Autohaus St. Marx

Benjamin Hirte, Richard Hoeck, Nancy Lupo/Vazha Marr, John Miller, SoiL Thornton, Kate Spencer Stewart, Miriam Stoney

Autohaus St. Marx

Benjamin Hirte, Richard Hoeck, Nancy Lupo/Vazha Marr, John Miller, SoiL Thornton, Kate Spencer Stewart, Miriam Stoney

Organisiert von

Benjamin Hirte

Ausstellung

16 Oktober — 04 Dezember 2021

Eröffnung

15 Oktober 19:00

Ort

Rennweg 110-116, 1030 Wien

Besonderen Dank an

S+B Gruppe

Im Gegensatz zum Englischen ›Car Dealership‹ heisst es im Deutschen nur ›Autohaus‹. Der Ausdruck betont die Idee einer Unterkunft und lässt den Handel außen vor. Den Namen Autohaus St. Marx gibt es so nicht, er ist erfunden; er setzt sich aus drei Wörtern zusammen: Autohaus, Sankt und Marx. Zur Erläuterung: Sankt Marx ist der historische Name dieses Wiener Stadtviertels und bezieht sich auf den Evangelisten Markus.
Es besteht ein gewisser Widerspruch zwischen der Idee des Autohauses, dem Heiligen und dem, was man heute unter dem Wort Marx versteht. Die drei Begriffe verweisen in poetischer Form auf kulturhistorische Versatzstücke, und darauf, wie eigenwillig sich unsere Realität konstruiert. In der Hinsicht beschreibt es diesen besonderen Teil der Stadt sehr gut.

Historisch gesehen ist St. Marx ein halbindustrielles Gebiet, in dem sich seit dem 13. Jahrhundert Lazarette und sogar Pesthospitäler befanden, um Infektionen aus der Altstadt fernzuhalten. Der Name St. Markus entstand aus den religiösen Aspekten der Fürsorge. Später, vor allem seit dem 18. Jahrhundert, wurde das Viertel zu einem Zentrum für Fleischverarbeitung, das heute unter anderem zu einem Kreativ-Zentrum modelliert wird.

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Wo einst Markthallen, Schlachthöfe und Krankenhäuser standen, befinden sich jetzt größere Handelsbetriebe, Büros, großflächige Baumärkte, Lagerhäuser und eine Autobahn. Unter einer der Autobahnbrücken befindet sich ein alter Biedermeierfriedhof, auf dem sowohl Mozart als auch Josef Madersperger, der Erfinder der Nähmaschine, begraben sind—ihre Gräber sind nur schwer zu finden.

Im Westen befindet sich eine Reihe traditioneller Sozialbauten aus der Zeit des Roten Wien von 1919 bis 1934. Im Osten entsteht der besagte neue Medien- und Wissenschaftskomplex namens ›Biozentrum‹, der in einem riesigen unbebauten Streifen mündet, auf dem eine neue städtische Veranstaltungshalle errichtet werden soll. Im Moment gibt es dort noch ein temporäres Programm mit kleinen Stadtgärten und eine abenteuerlich selbst gebaute Skateanlage.

Die Nutzung dieses ehemaligen Autohauses für eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst macht auf seltsame Weise Sinn; es fühlt sich gut an. Die Großzügigkeit des Gebäudes ist nicht für die Kunst intendiert, was irgendwie eine Erleichterung ist. Ohne ein Urteil zu fällen, kann man sagen, dass diese spezifische Geräumigkeit und das Design mit einer anderen Art von materieller Bedeutung für das Leben der Menschen verbunden ist. Die Architektur hat eine Logik, die auf andere Gefühle, Bedürfnisse und Angebote abzielt als die Kunst. Auch wenn die Autos, die hier verkauft wurden, für die Mittel- und obere Mittelschicht(en) bestimmt waren, ist die Einrichtung industrieller als die des üblichen bürgerlichen Kunstkontexts. Autos sind höchst problematisch—eines der größten Probleme unserer Zeit. Sie sind brutal, und gleichzeitig auch toll. Sie verkörpern Macht, nicht nur durch ihre mechanische Wucht, sondern auch durch ihre schiere Menge und indem sie einen Großteil der uns umgebenden Infrastruktur konstituieren.

Die Werke in der Ausstellung erben den Spuk des Kommerz, sowie die Unheimlichkeit des ideologischen Aderlasses des Gebäudes und Umdeutung seiner Umgebung. Wie die historischen Sedimente eines Sebald-Romans wirken die Arbeiten ebenso deplatziert wie heimisch in dem vormaligen Autohaus—das schon jetzt die ersten Anzeichen einer Ruine aufweist.

Text: Benjamin Hirte

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